Lieder zum Fest Mariä Opferung

Das Fest Mariä Opferung, welches in den orientalischen Kirchen auch „Mariä Tempelgang“ genannt wird und in den von der deutschen Bischofskonferenz verantworteten liturgischen Büchern mittlerweile die leider etwas unanschauliche Bezeichnung „Unsere Liebe Frau in Jerusalem“ erhalten hat, auch wenn das Meßbuch Johannes Pauls II. es weiterhin „In Praesentatione Beatae Mariae Virginis“, also „Zur Darstellung der seligen Jungfrau Maria“ nennt, ist wohl das Marienfest mit den meisten Bezügen zum Alten Bund. Da es im November gefeiert wird, der auf der Südhalbkugel im Frühling liegt, wird in einigen lateinamerikanischen Bistümern eine Entsprechung zu unseren Maiandachten in der Zeit vom Fest Mariä Opferung bis zum Oktavtag von Mariä Empfängnis, also bis zum 15. Dezember, gefeiert, weil, wie wir bei den Liedern zur Maiandacht dargelegt haben, der Frühling mit seiner Blütenpracht in vielerlei Weise auf Maria bezogen werden kann.

Festinhalt ist der im Protevangelium des Jakobus und anderen nichtkanonischen Schriften wie etwa dem Libellus de Nativitate Sanctae Mariae (in deutscher Übersetzung bezeichnet als „Evangelium von der Geburt der Maria“) überlieferte mehrjährige Aufenthalt der Gottesmutter im Jerusalemer Tempel, genauer gesagt, dessen Beginn. Wie wir bereits bei den Liedern zu Mariä Geburt geschildert haben, waren Marias Eltern Joachim und Anna lange Zeit kinderlos, und als Anna endlich von einem Engel die ersehnte Geburt eines Kindes angekündigt wurde, legte sie sofort das Gelübde ab, dieses Kind Gott zu weihen. Ähnlich wie die Mutter Simsons, der von einem Engel auferlegt worden war, bereits während der Schwangerschaft alles zu meiden, was ihr Kind verunreinigen konnte (Buch der Richter 13,4), war Anna sorgfältig darauf bedacht, alles Unreine von Maria fernzuhalten, und ließ daher sogar ein kleines Heiligtum in ihrem Haus errichten, das ihrer Tochter als Wiege und Laufstall diente, damit sie nicht einmal den Boden berührte.

Als Maria drei Jahre alt geworden und von der Mutterbrust entwöhnt war, ließen ihre Eltern unbefleckte Jungfrauen mit Fackeln kommen, um Maria in den Tempel zu führen. Dort wurde sie vom Priester in Empfang genommen, der sie küßte, segnete, über sie prophezeite, daß Gott an ihr die Erlösung der Kinder Israel offenbar werden lasse, und sie auf die dritte Stufe des Altars stellte, wo Gott seine Gnade über sie ausgoß, so daß sie vor Freude zu tanzen begann, während der Libellus de Nativitate Sanctae Mariae die Szene so beschreibt, daß Joachim und Anna ihre Tochter auf eine der 15 Stufen, die zum Tempel hinaufführten, setzten, worauf sie ganz alleine und ohne sich auch nur nach ihren Eltern umzusehen die gesamte Treppe erklomm. Maria blieb daraufhin im Tempel, wo sie mit anderen Tempeljungfrauen erzogen wurde, ihre Nahrung aus der Hand von Engeln empfing und Gott beständig im Tempel diente, bis sie nach ihrer Verlobung mit Joseph das Heiligtum verlassen mußte.

Die Geschichte von der Geburt der Maria und der Kindheit des Heilandes, die von dem Handschriftenforscher Konstantin von Tischendorf den Namen „Pseudo-Matthäus-Evangelium“ erhielt, schildert darüber hinaus in aller Breite Marias Kunstfertigkeit in weiblichen Handarbeiten, ihren Gebetseifer, ihre Vortrefflichkeit in allen Tugenden, ihr mustergültiges Betragen gegen jedermann, ihre Sorge für ihre Nächsten bis hin zu Wunderheilungen, ihren vertrauten Umgang mit Engeln und ihren mit Vorbildern von Abel bis Elias begründeten Entschluß, auf immer jungfräulich leben zu wollen – eine Reihe von Themen, die auch in einigen der folgenden Lieder aufgegriffen werden.

Mariä Opferung – An der frommen Eltern Seite

Mariä Opferung – Du tratst in den Tempel mit tanzendem Schritt

Mariä Opferung – Du, Zions Tempel, öffne dich

Mariä Opferung – Gar niemals hat den Tag die Sonn‘

Mariä Opferung – Geführt zum Tempel ward

Mariä Opferung – Gegrüßt seist du, o heilig’s Kind

Mariä Opferung – Gott, von dem wir alles haben

Mariä Opferung – Hoch tue dich auf, Jerusalems Tor

Mariä Opferung – Ihr alten Opfer, weichet

Mariä Opferung – Ihr frommen Christen, kommet her

Mariä Opferung – Ihr frommen Christen, kommt und seht

Mariä Opferung – Liebes Kind, bereite dich, heut‘ mit mir zu gehen

Mariä Opferung – Maria eilt zum Tempel hin

Mariä Opferung – Maria jung und zart (Münster)

Mariä Opferung – Maria jung und zart (Muttergottesrosen)

Mariä Opferung – Maria jung und zart (Pörtner)

Mariä Opferung – Maria jung und zart (Wolgadeutsch)

Mariä Opferung – Maria trat noch klein

Mariä Opferung – Nach Sions Höh’n zieht heute hin

Mariä Opferung – Nun eilt herbei in schöner Reih

Mariä Opferung – Nun tret’t herbei in schöner Reih‘ (Straßburg)

Mariä Opferung – Nun tret’t herbei in schöner Reih‘ (Wolgadeutsch)

Mariä Opferung – O Jungfrau, wie viel Tugendlehr‘

Mariä Opferung – O Maria, laß uns preisen

Mariä Opferung – O öffne dich, des Tempels Pforte

Mariä Opferung – Seht auf die frömmste Tochter hin

Mariä Opferung – Seht heut‘ Mariam an

Mariä Opferung – Seht, ein Beispiel wahrer Tugend

Mariä Opferung – Sie steiget in den Tempel

Mariä Opferung – Staunt, Sterbliche, seht hold und schön

Mariä Opferung – Tempel Sions, deine Pforte

Mariä Opferung – Vom Himmelssaal kommt allzumal

Mariä Opferung – Welch ein Beispiel wahrer Tugend

Mariä Opferung – Wie ist der Fürstentochter Gang so schön

Anmerkung: Einige dieser Lieder, die wir ohne Melodien vorgefunden haben, haben wir mit eigenen Melodien versehen. Diese dürfen gerne zur Ehre Gottes kostenfrei verwendet und gesungen werden, aber bitte nicht mit einem anderen, weltlichen oder unkatholischen, Text unterlegt werden.

Nun zu den oben angekündigten Bezügen zum Alten Bund: Schon der Prophet Samuel war von seiner wie Anna lange unter Kinderlosigkeit leidenden Mutter Hanna noch vor der Empfängnis lebenslang Gott geweiht und gleich nach seiner Entwöhnung ins Haus Gottes gebracht worden, wo er erzogen wurde und sogar im Tempel bei der Bundeslade, die sich damals noch in Schilo befand, schlief (1. Buch Samuel 1,11.21ff; 3,1ff).

Auch der Richter Jiftach opferte seine Tochter Gott auf, wenngleich eher ungeplant aufgrund eines voreiligen Gelübdes, daß dem Herrn gehören solle und er ihm als Brandopfer (hebräisch עֹלָֽה, wörtlich das, was man hinaufsteigen läßt, nämlich, indem man es in Rauch aufgehen läßt) darbringen wolle, was immer ihm aus der Tür seines Hauses als erstes entgegenkomme, wenn ihm der Sieg im Kampf gegen die Ammoniter geschenkt werde. Da ihm bei seiner siegreichen Rückkehr seine Tochter und einziges Kind tanzend entgegenkam, mußte er diese opfern (Buch der Richter 11,30ff), was in diesem Fall allerdings nach Auslegung der Kirchenväter die Schlachtung und Verbrennung des Kindes bedeutete, wenngleich bei neueren Auslegern auch die Annahme zu finden ist, daß die Tochter nur für immer dem Dienst Gottes geweiht wurde, was für Jiftach wie für die Tochter selbst auch ein erhebliches Opfer gewesen wäre, da die Tochter noch unverheiratet und damit kinderlos war, die Familie somit mit ihr aussterben würde, was auch der Grund gewesen sei, weswegen sie ihren Vater bat, ihr zuvor noch zwei Monate Zeit zu geben, um mit ihren Freundinnen in die Berge zu gehen und ihre Jungfrauschaft zu beweinen. Danach hätte Jiftach sein Gelübde dadurch erfüllt, daß er seine Tochter zum Tempel bzw. seinerzeit noch zur Stiftshütte hätte hinaufsteigen (dieses Wort ist eine gängige Bezeichnung für die Wallfahrt zum Heiligtum und wird etwa auch von Hanna für die Pilgerreise nach Schilo verwendet) lassen. Sie hätte dort dann bis zum Ende ihrer Tage Gott gedient, wie es auch die Prophetin Hanna tat, von der es im Evangelium zu Mariä Lichtmeß heißt: „Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.“ Anders als unsere Kirchen verfügte der jüdische Tempel über eine entsprechende Infrastruktur, die einen dauerhaften Aufenthalt dort möglich machte, so daß auch Jesus im Alter von zwölf Jahre drei Tage dort verweilen konnte (Lukas 2,41ff).

Noch viel bedeutungsvoller als diese Vorbilder ist aber die Einbindung der Gottesmutter in den Tempelkult. Wie das Protevangelium des Jakobus berichtet, gehörte es zu ihren Aufgaben, aus Scharlach- und Purpurfäden den Vorhang vor dem Allerheiligsten zu weben, also eben jenen Vorhang, der beim Tode Jesu zerriß (Matthäus 27,51), während das Gewand Jesu, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht und mit Sicherheit ebenfalls von Maria verfertigt war, von den Soldaten, die ihn kreuzigten und seine Kleider unter sich aufteilten, gerade nicht zerteilt wurde (Johannes 19,23f). Dieses unzerteilte Gewand steht sinnbildlich für die Einheit der Kirche, des neuen Gottesvolkes, das durch den von Christus durch sein Kreuzesopfer gestifteten neuen und ewigen Bund ins Dasein trat, während das Zerreißen des Tempelvorhangs das Ende des Opferkultes des Alten Bundes anzeigt.

Daß Maria an der Schnittstelle zwischen Altem und Neuem Bund steht, wird aber noch an vielen anderen Aspekten deutlich. So war das Allerheiligste des Tempels als Aufbewahrungsort der Bundeslade vorgesehen, in die Moses die Steintafeln mit den Zehn Geboten, dem Dekalog, also wörtlich den „Zehn Worten“ Gottes, gelegt hatte. Die Bundeslade aber war seit langem verschollen, so daß das Allerheiligste leer war, auch wenn das Protevangelium dem heiligen Joseph in frommer Übertreibung sagen läßt, Maria sei im Allerheiligsten erzogen worden. Maria aber sollte nun zur neuen Bundeslade Gottes werden oder zur „Arche des Bundes“, wie die Lauretanische Litanei sie nennt, den in ihrem Schoß sollte das menschgewordene Wort Gottes für neun Monate ruhen.

Ferner barg die verschollene Bundeslade einen Krug mit Manna, dem Brot, das vom Himmel gekommen war und das die Väter in der Wüste gegessen hatten. Dieses Manna, das diejenigen, die von ihm aßen, zwar nähren, aber nicht vor dem Tod bewahren konnte, wird noch weit übertroffen von dem Brot des Lebens, dem lebendigen Brot, das vom Himmel herabgekommen ist und demjenigen, der davon ißt, ewiges Leben schenkt, dem Fleisch des Menschensohnes (vgl. Johannes 6,48ff), der seinen Leib aus Maria angenommen hat, so daß Maria, weil sie dieses Himmelsbrot in ihrem Schoß trug, auch deswegen die neue Bundeslade genannt werden kann. Gleiches gilt vom Tisch der Schaubrote, die im Tempel ausgestellt waren und ebenfalls den Leib Christi präfigurieren, so daß Maria auch als der neue Schaubrottisch bezeichnet werden kann. Und da der Tempel das Haus Gottes, die Wohnstätte seiner Herrlichkeit ist, wurde Maria, deren Leib für neun Monate die Behausung des Gottessohnes war, natürlich auch zum neuen Tempel, weswegen die heilige Birgitta die Muttergottes in einem Gebet, das in ihren Offenbarungen enthalten ist, unter dem Bild des Tempels verehrte:

„Gebenedeit seist du, Maria, Mutter Gottes, Tempel Salomos, dessen Wände vergoldet waren, dessen Dach glänzte, dessen Estrich mit den kostbarsten Steinen gepflastert war, dessen ganzer Bau strahlend und dessen Inneres mit süßem Duft erfüllt und gar lieblich anzuschauen war. Schließlich bist du in jeder Weise dem Tempel Salomos ähnlich, in welchem der wahre Salomo einherging und saß, in welchen er die Lade der Herrlichkeit und den Leuchter zur Erleuchtung eingebracht hat. So bist du, gebenedeite Jungfrau, ein Tempel jenes Salomo, der Frieden gebracht hat zwischen Gott und dem Menschen, der die Schuldigen versöhnt, den Toten das Leben gegeben und die Armen von ihrem Verfolger befreit hat. Dein Leib und deine Seele sind ja der Tempel der Gottheit geworden, in welchem das Dach der göttlichen Liebe war, unter welchem der Sohn Gottes, der zu dir vom Vater ausgegangen war, freudig in dir gewohnt hat.“

Insbesondere die griechischen Kirchenväter geben Maria bei ihren Predigten zu diesem Fest noch viele andere Namen (etwa „Weihrauchfaß des immateriellen Lichts“, „vielleuchtende Lampe“, „heilige Kammer“, „heiliges Zelt“, „reiches Heiligtum“ oder „vernunftbegabtes Lamm“), mit denen sie sie zu Elementen des alttestamentlichen Gottesdienstes in Beziehung setzen, und ziehen noch mehr Parallelen zu Vorbildern des Alten Bundes. Der heilige Tarasius von Konstantinopel weist zum Beispiel darauf hin, daß auch die Opfertiere, die Abraham bei seinem Bund mit Gott opfern sollte, drei Jahre alt sein sollten (Genesis 15,9), und nennt Maria das reinste Opfer Abels, den strahlenden Schmuck des Reiches und Priestertums Melchisedeks und das geistige Brandopfer Isaaks, während Germanus von Konstantinopel davon spricht, daß die geöffnete Pforte des Tempels diejenige aufnahm, die das von Ezechiel geschaute Tor im Osten war, durch das die Herrlichkeit des Herrn einzog (Ezechiel 43,4), weil Gott durch Maria in diese Welt kam, und daß der Sühneplatte (also dem Deckel der Bundeslade zwischen den beiden Cherubim, wo die Herrlichkeit Gottes thronte) diejenige dargebracht wurde, die selbst die neue und gottgleiche, reinigende und nicht von Menschenhand gemachte Sühneplatte genannt wird, weil in ihrem Schoß der menschgewordene Gott thronte, um zum Sühneopfer für die Sünden Menschheit zu werden.

Während ihrer Ausbildung im Tempel, die zugleich eine optimale Vorbereitung auf ihre Rolle als Mutter Gottes war, wurde Maria auch intensiv in der Kenntnis der Heiligen Schrift unterwiesen, und wie wir bei den Liedern zu Mariä Verkündigung bereits erwähnt haben, zeigen bildliche Darstellungen der Verkündigungsszene sie meist beim Lesen der Prophezeiungen des Alten Testaments, insbesondere des Propheten Jesaja, der vorhergesagt hatte, daß der Messias von einer Jungfrau geboren werden würde, aber auch, daß er als Gottesknecht viel für die Erlösung der Sünder würde leiden müssen und wie ein Lamm sein würde, das man zum Schlachten führt (Jesaja 53,7). Bei ihrem Dienst im Tempel, wo täglich die Opfertiere geschlachtet wurde, konnte sie sehen, was das bedeutet, was also ihrem Sohn bevorstand und was auch sie mitzuleiden haben würde, wenn sie als Schmerzensmutter unter dem Kreuz an seinem Erlösungsopfer teilnahm. Auch dazu sprach sie also ihr „Fiat“, als sie dem Engel antwortete „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.“

Letztlich hatte sie die volle Hingabe an Gott und seinen heiligen Willen aber schon mit ihrem Eintritt in den Tempel geübt, da sie sich bereits damals und für immer Gott und seinem Dienst weihte und nach dem Bericht des Pseudo-Matthäusevangeliums sogar eine Art Ordensregel mit einer festen Einteilung von Gebets- und Arbeitszeiten befolgte. Der Tempel von Jerusalem wurde somit für sie zum Kloster und sie selbst zu einem Vorbild für alle Nonnen und Mönche, so daß, wenn nicht bereits Mariä Lichtmeß als Tag des geweihten Lebens festgelegt wäre, auch das Fest Mariä Opferung sehr dafür eigenen würde, ihn als Tag des Ordenslebens zu begehen.