Prinzipientreue oder persönliches Glück?

Jane Eyre

Kulturtipps (III) – Charlotte Brontë: „Jane Eyre“

Es mag zunächst vielleicht etwas befremdlich erscheinen, wenn auf der Internetseite von Ordensfrauen ein Liebesroman rezensiert wird, aber natürlich nehmen auch wir Anteil an den Schicksalen und Interessen unserer Mitmenschen „draußen“, außerhalb unserer Klostermauern, und gerade weil wir uns für ein Leben in Jungfräulichkeit entschieden haben und daher unsere Herzen nicht mit eigenen Liebes- und Familienproblemen belastet sind, können wir sie umso mehr für die Nöte und Sorgen der anderen – auch wenn sie exemplarisch in Romanform geschildert werden – öffnen und diese im Gebet vor Gott tragen.

Außerdem thematisiert und transportiert dieser Roman viele Werte, die für jeden Menschen wichtig und vorbildhaft sein können beziehungsweise sollten, wie zum Beispiel die treue Erfüllung einer einmal übernommenen Pflicht, auch wenn es schwerfällt, die Bereitschaft, Böses zu vergeben und auch seinen Feinden Gutes zu erweisen, Geradlinigkeit und Offenheit, das Stehen zu eigenen moralischen Überzeugungen oder die Erkenntnis, dass Charakter und Geist eines Menschen viel wichtiger sind als Schönheit und Reichtum. Da die Autorin Tochter eines protestantischen Pfarrers war, finden sich in dem Werk auch zahlreiche Zitate und Anspielungen auf biblische Texte.

Der Roman „Jane Eyre“ ist, wie bereits erwähnt, (auch) ein Liebesroman, beginnt aber bereits mit der Kindheit der Titelheldin, deren Schilderung rund ein Sechstel des Textes ausmacht. Jane wächst als Vollwaise zunächst bei der Witwe ihres Onkels auf, die sie mit Herzlosigkeit, Ungerechtigkeit und Verachtung behandelt und schließlich in das Internat Lowood abschiebt, wo bei den meisten Erziehern und Lehrerinnen ebenfalls Strenge und Lieblosigkeit vorherrschen. Sie findet dort jedoch in ihrer Mitschülerin Helen Burns eine echte Freundin und in der Schulvorsteherin Miss Temple eine verständnisvolle Lehrerin und Ersatzmutter und wird schließlich sogar selbst Lehrerin in Lowood, das sich nach Absetzung des bisherigen Direktors Mister Brocklehurst zu einer segensreichen Einrichtung entwickelt.

Als Miss Temple heiratet und die Schule verlässt, hält aber auch Jane nichts mehr dort und sie gibt ein Stellengesuch als Gouvernante auf, woraufhin sie eine Anstellung als Erzieherin eines kleinen Mädchens namens Adèle in dem weitläufigen Herrenhaus Thornfield Hall findet, dessen Eigentümer, Mister Rochester, jedoch viel auf Reisen ist, sodass sie ihn erst nach drei Monaten kennenlernt. Beide sind voneinander fasziniert: während Mister Rochester Janes Klugheit, ruhige Art und unverstellte Geradlinigkeit bewundert, schätzt sie an ihm, dass er sie ungeachtet ihrer niedrigen Stellung als einfache Angestellte wie seinesgleichen behandelt. Beide empfinden einander als Seelenverwandte und so ist Jane, auch wenn im dritten Stock des Anwesens einige unheimliche Dinge vor sich zu gehen scheinen, die bis hin zum Ausbruch eines Feuers in Mister Rochesters Zimmer reichen, aus dem sie ihn im letzten Augenblick rettet, in Thornfield Hall so glücklich wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Dieses Glück wird erst getrübt, als die äußerst hübsche und vornehme junge Adlige Blanche Ingram auftaucht, die sich anscheinend berechtigte Hoffnungen macht, in Bälde Mrs. Rochester zu werden. Da Miss Ingram Gouvernanten auf den Tod nicht ausstehen kann, ist für Jane klar, dass sie Thornfield Hall nach Mister Rochesters Heirat wird verlassen müssen. Was sie nicht ahnt, ist, dass Mister Rochester Blanche nur benutzt, um Jane eifersüchtig zu machen und so die Intensität ihrer Liebe zu ihm zu steigern. Sie kann es daher überhaupt nicht glauben, als sie – soeben von einem Besuch bei ihrer sterbenden Tante, der sie auf dem Totenbett nicht nur die Lieblosigkeit und Misshandlungen in der Kindheit vergibt, sondern auch, dass sie drei Jahre zuvor Janes Adoption durch einen wohlhabenden Onkel verhindert hat, zurückgekehrt – von Mister Rochester plötzlich einen Heiratsantrag erhält.

[Wer sich die Spannung bei der eigenen Lektüre des Romans erhalten möchte, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen.]

Es gelingt Mister Rochester jedoch, Jane von der Ernsthaftigkeit seines Antrags, den sie daraufhin freudig annimmt, zu überzeugen. Von nun an schwelgt sie in Glückseligkeit bis zu dem Augenblick, als der Geistliche in der Trauungszeremonie die aus angloamerikanischen Filmen sattsam bekannte Aufforderung an alle Anwesenden ergehen lässt, sich, sofern sie etwas gegen die Eheschließung einzuwenden hätten, jetzt zu äußern.

Es meldet sich nämlich zu Janes Entsetzen ein Rechtsanwalt und verkündet, dass Mister Rochester bereits mit der Schwester seines Mandanten verheiratet sei. Mister Rochester, der sich hierdurch beim Versuch der Bigamie ertappt sieht, führt daraufhin alle in das dritte Stockwerk seines Herrenhauses, wo unter Aufsicht einer Bediensteten seine dem Wahnsinn verfallene Ehefrau lebt. Unbegreiflicherweise erkennt, wie der Rechtsanwalt beteuert, das Gesetz die Ehe Mister Rochesters mit dieser Person an, obwohl ihm der Wahnsinn seiner Braut sowohl von deren Familie als auch von seinem eigenen Vater, der diese Ehe wegen der hohen Mitgift arrangiert hatte, verschwiegen worden war. Da er die Tobsuchtsanfälle und Exzesse dieser Frau nach vier leidvollen Jahren nicht mehr hatte ertragen können, hatte er sie nach Thornfield Hall gebracht, wo niemand von seiner im Ausland geschlossenen Ehe Kenntnis hatte, und hatte sie dort verborgen gehalten, um selber eine andere Verbindung eingehen zu können, die er nach zehnjähriger vergeblicher Suche endlich mit Jane schließen zu können meinte.

Doch obwohl Jane ihn nach diesen Enthüllungen – befeuert durch das heftige Mitleid mit dem Unglücklichen, das sie in ihr erweckt haben – mehr liebt als je zuvor und er ihr anbietet, im Ausland, wo niemand sie kennt, sodass er sie dort als seine rechtmäßige Ehefrau ausgeben kann, in einer schönen Villa mit ihm zu leben, lehnt sie ab, da es gegen ihre innerste Überzeugung und ihre Selbstachtung verstieße, mit einem Mann zusammenzuleben, der mit einer anderen Frau verheiratet ist. Sie flieht daher des Nachts aus Thornfield Hall und findet schließlich bei zwei Schwestern, Diana und Mary Rivers, und ihrem Bruder St. John, einem protestantischen Geistlichen, der Missionar in Indien werden möchte, Unterschlupf. St. John Rivers verschafft ihr eine Anstellung als Lehrerin in einer Dorfschule und steht – nachdem er ihr offenbart hat, dass ihr reicher Onkel, der sie damals aufgrund der Intrige ihrer Tante nicht hatte finden können, um sie zu adoptieren, mittlerweile verstorben ist und ihr ein sehr ansehnliches Vermögen vererbt hat – kurz davor, sie zu einer Vernunftehe mit ihm zu überreden und gemeinsam in Indien das Werk Gottes als Missionare zu vollbringen, als Jane plötzlich wie in einer Art Vision oder vielmehr Audition dreimal ihren Namen rufen hört – und zwar von der Stimme Mister Rochesters.

Sie bricht daraufhin unverzüglich nach Thornfield auf, findet aber nur eine ausgebrannte Ruine vor. Vom örtlichen Wirt erfährt sie, dass Mrs. Rochester in einem weiteren Anfall von Wahnsinn das Haus angezündet hat und Mister Rochester bei dem vergeblichen Versuch, ihr Leben zu retten, seine rechte Hand und sein Augenlicht verloren hat und in einem einsamen Haus im Walde lebt. Jane eilt sofort dorthin und kann ihre große Liebe, da diese jetzt ja verwitwet und durch die Erfahrung des Leids obendrein fromm und demütig geworden ist, nunmehr endlich heiraten.

Leseprobe

Soweit zur Handlung des Romans. Um auch einen Eindruck von der bilderreichen Sprache dieses in der Epoche und im Stil der Romantik verfassten poetischen Meisterwerks zu vermitteln, sei noch eine kleine Leseprobe angefügt:

„Jane Eyre, die eine liebende, erwartungsvolle Frau, ja beinahe schon eine Braut gewesen war, war nun wieder ein kaltes, einsames Mädchen. Ihr Leben war farblos, ihre Aussichten trostlos. Ein harter Winterfrost war um die Mittsommerzeit gekommen, ein scharfer Dezembersturm war durch den Juni gebraust. Reif lag auf den heranreifenden Früchten, Schneewehen hatten die knospenden Rosen erdrückt. Ein eisiges Leichentuch lag über blühenden Wiesen und wogenden Kornfeldern; Heckenwege, die gestern noch im blühenden Blumenschmuck prangten, waren heute verschneit und unwegsam. Und die Wälder, welche vor zwölf Stunden noch duftig und schattig rauschten wie tropische Haine, lagen nun weit und wild und weiß da wie Tannenwälder im winterlichen Norwegen. All meine Hoffnungen waren tot – gestorben unter einem grausamen Urteil, so wie es in einer einzigen Nacht all die Erstgeborenen Ägyptens befallen hatte. Ich sah auf meine teuersten Wünsche, gestern noch so prangend und üppig: Sie lagen da wie kalte, starre, bleiche Tote, die nichts mehr zum Leben erwecken konnte. … Wirbelnde Dunkelheit schien mich zu umgeben; wie eine schwarze, schlammige Flut stürzten die Gedanken auf mich ein. Machtlos, zu schwach für jegliche Anstrengung, war mir, als läge ich in dem ausgetrockneten Flussbett eines großen Stromes: Ich hörte, wie der rauschende Sturzbach von fernen Gletschern heranbrauste, ich fühlte, wie die Flut kam, aber ich hatte nicht den Mut, mich zu erheben, nicht die Kraft zur Flucht. Ohnmächtig lag ich da und sehnte mich nur nach dem Tod. Nur noch ein einziger lebendiger Gedanke war in mir: der Gedanke an Gott. Er ließ ein stummes Gebet in mir entstehen; die Worte zogen in meiner verdüsterten Seele auf und nieder wie etwas, das geflüstert werden sollte, aber ich hatte nicht die Energie, sie auszusprechen: ‚Bleib bei mir, oh Gott, denn die Prüfung ist nahe und kein Helfer da!‘“

Anmerkung des Autors dieser Rezension

Das Verfassen dieser Rezension hat mich nachdenklich gestimmt und hat einige Fragen in mir aufgeworfen: Wie viele Menschen würden wohl ebenso handeln wie Jane Eyre und sich ihrer moralischen und religiösen Überzeugungen wegen von dem losreißen, was sie für ihr größtes mögliches Glück auf Erden halten? Wie viele würden ihre Motivation auch nur nachvollziehen können? Und wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der man den Konflikt dieses Romans und den anderer großer Meisterwerke der Weltliteratur, wie Puschkins „Eugen Onegin“, Schillers „Don Carlos“ oder Madame de La Fayettes „Die Prinzessin von Clèves“, nicht mehr versteht? Ich persönlich würde es nicht wollen.

Es gibt den Roman „Jane Eyre“ außer im englischen Original aktuell in wenigstens einem halben Dutzend verschiedener deutscher Übersetzungen. Wir wollen für keine bestimmte davon Werbung machen, da wir sie nicht verglichen haben und deshalb nicht beurteilen können, welche davon die beste ist. Das in unserer Rezension verwendete Zitat haben wir der von Martin Engelmann überarbeiteten Übersetzung von Marie von Borch entnommen, die unter anderem von den Verlagen Anaconda als gedrucktes Buch und Aufbau als E-Book veröffentlicht wurde.

Eine Rezension von Claudia Schwarz

Buchinformationen

  • Autor: Charlotte Brontë
  • Titel: „Jane Eyre“
  • gebundene Ausgabe
  • Anaconda Verlag, u.a.
  • ISBN: 978-3-86647-228-0
  • 640 Seiten
  • Preis: 7,95 Euro