
Wie bereits das Fest Mariä Lichtmeß, so hat auch dieses Fest einen doppelten Charakter: jahrhundertelang als Marienfest und mit Texten aus dem Commune der Marienfeste gefeiert, erhielt es bei der Kalenderreform den Namen „Verkündigung des Herrn“. Dennoch liegt der Fokus sowohl in bildlichen Darstellungen als auch in den Liedern ganz eindeutig auf Maria. Gemälde zeigen oft nur die Jungfrau Maria und den Erzengel Gabriel, der ihr die frohe Botschaft verkündet, daß sie zur Mutter des Herrn auserwählt wurde. Bisweilen ist noch, wie in unserem Bild hier, das ein Deckengemälde in der wunderschönen Wallfahrtskirche Weihenlinden zeigt, der Heilige Geist, der nach den Worten Gabriels über Maria kommen soll, in Gestalt einer Taube zu sehen, manchmal auch Gott Vater, dessen wohlwollender Blick vom Himmel herab auf Maria, die bei ihm Gnade gefunden hat, ruht, und nur höchst selten sehen wir auch Gott Sohn, der als winziges Kindlein in einem Lichtstrahl zu Maria hinabsteigt, um in ihrem Leib Fleisch anzunehmen.
Wie auch in unserer Darstellung ist Maria, als der Engel zu ihr tritt, häufig beim Lesen, genauer gesagt beim betenden Betrachten der Heiligen Schrift zu sehen, insbesondere des Propheten Jesaja, von dem die Ankündigung stammt „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären“, und auch manche Verkündigungslieder legen ihr entsprechende Worte, mit denen sie die Sehnsucht nach der Erfüllung dieser Prophezeiungen ausspricht, in den Mund. Denn auch wenn Maria frei von jeder Sünde ist und dank ihrer unbefleckten Empfängnis nie wie wir die Erlösungsbedürftigkeit am eigenen Leib oder vielmehr in ihrer Seele verspürt hat, kann sie sich doch mit uns Sündern in der Sehnsucht nach dem Erlöser gemein machen, weil ja auch sie, die Vorerlöste, eben im Hinblick auf ihre Bestimmung als Mutter des Erlösers und durch die Erlösertat ihres Sohnes erlöst wurde und ihr diese Erlösung ohne die Menschwerdung Gottes in ihrem Schoß nie zuteil geworden wäre. Entsprechend dieser Sehnsucht, die viele Verkündigungslieder auch zu idealen Adventsliedern macht, herrscht, anders als bei den meist fröhlicheren Liedern zu Mariä Verlobung oder zu Mariä Lichtmeß, oft ein verhaltenerer, bisweilen beinahe schon melancholischer Grundton vor.
Mariä Verkündigung – Adams Kinder, laßt das Klagen
Mariä Verkündigung – Adamskinder, stillt die Klagen
Mariä Verkündigung – Alle Tage sing und sage
Mariä Verkündigung – Als die Zeit herangekommen
Mariä Verkündigung – Als wir war’n beladen
Mariä Verkündigung – Ave Maria, gratia plena
Mariä Verkündigung – Ave Maria, jungfräuliche Zier
Mariä Verkündigung – Ave Mutter ohne Weh
Mariä Verkündigung – Da kommen sollt der Weltheiland
Mariä Verkündigung – Der Engel hat aus Gottes Macht
Mariä Verkündigung – Der Lauf der Zeiten ist erfüllt
Mariä Verkündigung – Der Väter Seufzen und Gebet
Mariä Verkündigung – Die Jungfrau schaut in Wonne
Mariä Verkündigung – Die Zeit, die Gott nach weisem Rate
Mariä Verkündigung – Durch den Ungehorsam unsers Vaters Adam
Mariä Verkündigung – Ein Engel sprach zur Jungfrau rein
Mariä Verkündigung – Ein Engel zu Maria kam
Mariä Verkündigung – Endlich kam er, das Verlangen
Mariä Verkündigung – Es fleugt ein Vögelein leise
Mariä Verkündigung – Es flog ein Täublein weiße
Mariä Verkündigung – Es kam ein treuer Bote
Mariä Verkündigung – Frohlocket all‘ auf Erden
Mariä Verkündigung – Gegrüßet seist du, Königin, und aller Welt ein Trösterin
Mariä Verkündigung – Gegrüßet seist du, Maria, du heller Morgenstern
Mariä Verkündigung – Gegrüßet seist du, Maria
Mariä Verkündigung – Gegrüßt seist du, Maria rein
Mariä Verkündigung – Gegrüßt, o Maria, du bist voll der Gnade
Mariä Verkündigung – Heut ist der feierliche Tag
Mariä Verkündigung – Heut ist der so erwünschte Tag
Mariä Verkündigung – Heut vom hohen Himmel schwebet
Mariä Verkündigung – Himmel und Erd sich erfreuet
Mariä Verkündigung – In Demut betend, Herr, vor dir
Mariä Verkündigung – In Mariens niedrer Hütte
Mariä Verkündigung – In welchem holden Reize steht
Mariä Verkündigung – Maria barg mit heil’ger Scheu
Mariä Verkündigung – Maria saß alleine
Mariä Verkündigung – Maria war alleine
Mariä Verkündigung – Maria war mit Gott allein
Mariä Verkündigung – Maria, hochentzücket freut mein Geist
Mariä Verkündigung – Maria, hör den Engel an
Mariä Verkündigung – Maria, sei gegrüßet, du lichter Morgenstern
Mariä Verkündigung – Maria, voll Demut und Güte
Mariä Verkündigung – Meine Seele, auf und singe
Mariä Verkündigung – O Gabriel, du treuer Knecht
Mariä Verkündigung – O sieh, bedrängte Welt
Mariä Verkündigung – Reinste Jungfrau, die vor allen
Mariä Verkündigung – Reinste Jungfrau, o betrachte
Mariä Verkündigung – Schon macht des Himmelsboten Mund
Mariä Verkündigung – Seht, zu still’n das Heilsverlangen
Mariä Verkündigung – Sei gegrüßt, die du vor allen
Mariä Verkündigung – Stillt, Sterbliche, stillt eure Tränen
Mariä Verkündigung – Umlagert von des Todes Schatten
Mariä Verkündigung – Vom Paradiese lang verbannt
Mariä Verkündigung – Welch ein Gruß
Mariä Verkündigung – Wie heißt die Tugend, die, o Maria
Mariä Verkündigung – Wie schlägt das Herz so wonniglich
Mariä Verkündigung – Wohl uns, daß du geglaubet hast, Maria
Mariä Verkündigung – Zu der Menschheit höchsten Ehren
Anmerkung: Einige dieser Lieder, die wir ohne Melodien vorgefunden haben, haben wir mit eigenen Melodien versehen. Diese dürfen gerne zur Ehre Gottes kostenfrei verwendet und gesungen werden, aber bitte nicht mit einem anderen, weltlichen oder unkatholischen, Text unterlegt werden.
Wir haben in der Verkündigung an Maria und der damit verbundenen Menschwerdung Gottes den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Heilsgeschichte vor uns, denn damals war es, als die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit unsere Menschennatur annahm, um sie niemals wieder abzulegen, sondern sie auf ewig mit seiner göttlichen Natur zu vereinen und eben dadurch auf unaussprechliche Weise zu erhöhen, und mit ihr den sterblichen Leib, mit dem er uns erlösen sollte, indem er ihn am Kreuz dahingab. Daher ist es nur folgerichtig, daß früher vielerorts nach dem sogenannten Annuntiations- oder Inkarnationsstil das neue Jahr am Fest der Verkündigung begann und die Jahre nach der Menschwerdung des Herrn gezählt wurden und nicht wie heute am Oktavtag von Weihnachten ein neues Jahr nach Christi Geburt beginnt. Denn das menschliche Leben Jesu begann wie jedes Menschenleben im Augenblick seiner Empfängnis im Mutterschoß und nicht erst mit seiner Geburt, die ab diesem Augenblick nur mehr eine Frage der Zeit war und den natürlichen Abschluß einer Entwicklung bildet, die mit dem unwiderruflichen „Ja“ seiner Mutter, mit ihrem „Fiat“ zum Willen Gottes, unumkehrbar ihren Lauf nahm.
Daher gedenken wir auch dreimal am Tag beim Angelusläuten mit dem Gebet des Engels des Herrn dieses zentralen Wendepunktes der gesamten Menschheitsgeschichte, in dem es vom Willen einer einzigen Frau, von ihrer Bereitschaft zur Mitwirkung am göttlichen Heilsplan, abhing, ob Gott auf diese Erde kommt, um uns zu erlösen, oder nicht. Anders als bei Adam und Eva, die bisweilen in den Verkündigungsliedern genannt werden, war Marias Wille jedoch völlig gleichförmig mit dem Willen Gottes und so stellte sie sich ihm vorbehaltlos zur Verfügung. Diese Demut, mit der sie sich auch dann noch als Magd des Herrn bezeichnete, als sie bereits die Botschaft vernommen hatte, daß dieser sie zu seiner Mutter erwählt hatte, wird in vielen Liedern besungen.
Vor allem aber zitieren diese Lieder den wohl meistwiederholten Satz der Weltgeschichte, den wir allein bei jedem Rosenkranz 53mal (und beim birgittinischen Rosenkranz sogar 63mal) sprechen: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.“ Sie schildern lebhaft das Erschrecken Marias über diese Anrede, derer sie sich nicht würdig hält, und ihre feste Entschlossenheit, ihre Jungfräulichkeit für immer zu bewahren. Auch nachdem der Engel ihr verheißen hat, daß ihr Sohn groß sein, Sohn des Allerhöchsten genannt werden, den Thron Davids erben und in Ewigkeit herrschen werde, denkt sie keinen Augenblick daran, für die Erlangung einer solchen Verheißung die Jungfräulichkeit gegen die Mutterschaft einzutauschen, sondern erklärt kategorisch, daß sie keinen Mann erkenne.
Die Antwort des Engels hierauf wird von den Dichtern über die im Lukasevangelium enthaltene Aussage, der Heilige Geist werde sie überschatten, hinaus noch durch poetische Bilder ausgeschmückt: Er werde über sie kommen wie Tau über die Blumen, also noch sanfter als Regen, dessen schwere Tropfen die zarten Blütenblätter einer Rose schon einmal niederbeugen können, er werde sie anhauchen wie der Zephyr, also der Südwind, der so mild ist wie das sanfte, leise Säuseln, in dem sich der Herr bereits dem Propheten Elias am Gottesberg Horeb gezeigt hatte (1 Könige 19,1ff).
Noch an einen weiteren Gottesmann des Altes Testaments werden wir erinnert: Maria die „reinste Jungfrau, die vor allen Gott dem Vater wohlgefallen“, wird als das „Fell des Helden Gedeon“ bezeichnet. Dieser hatte nachts Wolle ausgelegt um darin Tau zu sammeln (Richter 6,36ff). Tau ist das reinste Wasser, noch reiner als Quellwasser, welches aus dem Boden strömt und von diesem Spurenelemente aufgenommen hat, denn es handelt sich um destilliertes Wasser. Es bleibt aber nur rein, wenn es von einem völlig reinen Gefäß aufgenommen wird. Maria mußte daher vollkommen rein und unbefleckt sein, um uns den Heiland Jesus Christus, den Gerechten, zu bringen, um den schon der Prophet Jesaja die Himmel angefleht hatte, daß sie ihn herabtauen lassen mögen (Jesaja 45,8).
Gideon hatte sein Vlies einst auslegt, um mit dem Tau von Gott das Zeichen zu erhalten, daß dieser sein Volk bald retten werde. In gleicher Weise ist auch das Hinabsteigen des menschgewordenen Wortes Gottes in den jungfräulichen Schoß Marias am heutigen Festtag zum Zeichen für die nahende Rettung und zur Erfüllung aller Verheißungen der Heiligen Schrift geworden, wie es im birgittinischen Stundengebet jeden Donnerstag in der Prim heißt:
„Quando natus es ineffabiliter ex Virgine, tunc impletae sunt Scripturae: sicut pluvia in vellus descendisti, ut salvum faceres genus humanum: te laudamus, Deus noster.“
also
„Als du in unaussprechlicher Weise aus der Jungfrau geboren wurdest, da wurden erfüllt die Schriften: Wie Regen auf die Wolle bist du herabgestiegen, damit du heil machest das menschliche Geschlecht: dich loben wir, unser Gott.“