
Bei der Maiandacht handelt es sich zwar nicht um ein Marienfest des offiziellen liturgischen Kalenders und sie kam auch erst relativ spät auf und bezieht sich nicht auf ein konkretes Ereignis im Leben Mariens oder in der Heilsgeschichte, in der sie eine so große Rolle spielte, aber nicht umsonst erfreuen sich Maiandachten beim gläubigen Volk einer so großen Beliebtheit, denn wenn wir ein wenig darüber nachdenken, finden wir zahlreiche Bezüge zwischen diesem Frühlingsmonat und dem Wesen Marias.
Der Mai ist ja eine Zeit des Neubeginns. Mit dem Einzug des Vollfrühlings ist der Winter endgültig überwunden und das Leben kehrt zurück. Auch mit Maria begann eine neue Zeit, denn sie ist die neue Eva, die Mutter des Lebens, und vor allem die Mutter Christi, der durch sein Erlösungswerk die Erneuerung des Menschen bewirkt und aus dessen Mund Johannes die Worte vernahm „Seht, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5). Wie der Mai uns nach dem oft so regnerischen, trüben oder wechselhaften April die Sonne mit all ihrem Licht und ihrer Wärme zurückbringt, so bringt uns Maria ihren Sohn Jesus, die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Maleachi 3,20). Vor allem aber ist der Mai eine Zeit der Blumen und Blüten und damit der keuschen Fruchtbarkeit. Wir haben bereits bei den Liedern zu Mariä Verkündigung gesehen, daß die Empfängnis des Gottessohnes im reinsten Schoß Mariä mit dem Herabkommen von Tau auf Blumen verglichen wird. Hier können wir diesen Gedanken weiterspinnen, denn wie Maria ohne alle fleischliche Begierde ihren Sohn empfangen hat, so empfangen ja auch die Blüten, die jetzt an allen Bäumen prangen, ohne Fleischeslust ihre Frucht. Blicken wir weiter in die Heilige Schrift, so finden wir dort einen ganzen Kosmos an Bildern vom Grünen, Blühen und Fruchtbringen, die wir alle auch auf Maria anwenden können. So lobt Psalm 1 denjenigen, „der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht,“ und sagt über ihn: „Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken.“ Auf wen träfe das mehr zu als auf Maria, die Mutter vom guten Rat, von der uns Lukas wiederholt berichtet, daß sie alle Worte, die über ihren Sohn gesagt wurden, in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachsann, und deren Seligpreisung durch eine Frau aus der Menge der Herr selbst mit den Worten bestätigte: „Ja, selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lukas 11,28; Evangelium aus der Muttergottesmesse am Samstag)? Und wer wäre der gute Baum, der gute Früchte hervorbringt (Matthäus 7,16ff), wenn nicht Maria, die – neben all den Früchten ihrer guten Werke – Jesus, die gebenedeite Frucht ihres Leibes, hervorgebracht hat?
Gehen wir noch einen Schritt weiter: Viele Maiandachten haben einen eucharistischen Teil, sind mit einer Anbetung Jesu im allerheiligsten Sakrament des Altares verbunden. Er – sein Fleisch, das er aus dem Leib der allerseligsten Jungfrau Maria angenommen hat – ist das Brot des Lebens. Daher ist es nur folgerichtig, daß es im Mai (nämlich am 13. Tag dieses Monats) auch ein Fest Unserer Lieben Frau vom Allerheiligsten Sakrament gibt. Und weil das Brotgetreide auf den Feldern wächst, die gerade jetzt im Mai kräftig sprießen, wird Maria schon seit der Zeit der Kirchenväter als „Acker Gottes“ bezeichnet und zwar als der gute Acker ohne Dornen und Disteln, die auf den irdischen Äckern nach dem Sündenfall wachsen (siehe Genesis 3,18), weil sie eben frei von der Erbsünde ist. Ferner ist Christus der neue Adam und da der erste Adam aus Erde vom Ackerboden gebildet wurde, kann Maria, aus deren Leib der neue Adam gebildet wurde, in allegorischem Sinn ebenfalls als Ackerboden bezeichnet werden. Einige Mailieder bitten sie darum auch um ein gutes Gedeihen der Feldfrüchte.